Der Garten von Karl Schienagel ist während der gesamten Saison eine Pracht. Im Frühling gibt es aber einen Bereich, der einem beim Vorbeigehen besonders ins Auge springt. Es handelt sich um ein Beet, das förmlich zu leuchten scheint. Es leuchtet in sattem Gelb, in unterschiedlichen Rot-, Lila- und Blautönen, in Magenta, in Weiß. Eigentlich ist es aber gar kein Beet. Es ist ein kleiner Steingarten, der von der tieferliegenden Straßenseite zur höhergelegenen Terrasse hin ansteigt. Als Betrachter hat man fast den Eindruck, als würde man auf die Sitze eines Theaters schauen, ein Theater, in dem Tulpen, Hyazinthen, Polsterstauden und andere Steingartenpflanzen kunstvoll in Szene gesetzt sind.
Warum ist hier ein Steingarten entstanden? Hätte man nicht einfach Rasen ansäen und sich viel Mühe und Arbeit sparen können? „Ja“, meint Karl Schienagel, „man hätte das ganze Erdreich wegschaffen, eine Kellerwohnung einrichten und davor Rasen machen können. Aber das wollten meine Frau und ich nicht.“ Die Schienagels beschlossen stattdessen, diesen Bereich in einen Steingarten umzuwandeln; die Bedingungen waren schließlich ideal: eine nicht allzu abschüssige Hanglage und außerdem volle Südseite. Aber woher kamen die Steine? „Die habe ich vom Jura in der Gegend von Solnhofen geholt. Das waren besondere Steine. Findlinge, mit Löchern drin, wo man etwas hineinpflanzen kann.“ Und wie wurden die Steine transportiert? Auf einem Anhänger? „Nein, einfach so. Im Kofferraum. Den hab‘ ich manchmal dann schon a weng überladen.“
Wie lange gibt es den Steingarten in seiner heutigen Form? „Etwa 40 Jahre“, sagt Karl Schienagel. Und wer hat ihn so wunderbar bepflanzt, mit dieser leuchtenden Mischung aus gelbem Felsensteinkraut, weißem Teppichphlox, violetten Aubretien, blauen Hyazinthen, grünen Gräsern und Semperviven sowie den Tulpen in Rot- und Lilatönen?
„Das war vor allem meine Frau. Sie war es, die immer neue Ideen gehabt hat.“
Karl Schienagel spricht in der Vergangenheit;
seine Frau Margareta ist im Dezember 2024 verstorben. Der Stein-garten ist auch eine Erinnerung an sie. Genauso wie der restliche Garten, der ihre Handschrift trägt.
Diesen Garten wollen wir uns im Folgenden näher anschauen.
Die Anfänge des Gartens
Karl und Margareta Schienagel haben das Haus 1971/72 gebaut. „Das hat ungefähr ein Jahr gedauert, weil wir das meiste selber gemacht haben.“ Erst danach begann die Arbeit an den Außenanlagen und damit auch am Garten. Was wurde als erstes angelegt? „Der Gemüsegarten. Und Rasen haben wir angesät. Damit’s a weng sauberer ist.“
Als nächstes wurde eine Thuja-Hecke gesetzt, an der Grenze zum Nachbargrundstück Anzeneder. „40 Meter. Das war ein ganz schöner Gewaltakt.“ Aber weil die Nachbarn rechter und linker Hand (Wolfgang Anzeneder bzw. Karls Bruder Willi) kräftig mitanpackten, gelang dieses erste Großprojekt. Heute steht die Hecke leider nicht mehr, da ihr die zunehmende Trockenheit stark zusetzte. An ihrer Stelle wachsen nun Sträucher, die mit dem Klima besser zurechtkommen.
Nach diesen drei grundlegenden Schritten – ein Gemüsegarten zur Versorgung, eine Hecke zur Abgrenzung, ein Rasen, damit es ordentlich aussieht – konnte mit der eigentlichen Gestaltung des Gartens begonnen werden.
Der Garten heute: Groß, weiträumig und kontrastreich
900 Quadratmeter umfasst das Grundstück einschließlich Haus – „das war eine große Herausforderung“, erinnert sich Karl Schienagel. Er und seine Frau haben sie aber mit Bravour gemeistert. Kein Fleckchen des Anwesens wurde sich selbst überlassen, alles wurde gärtnerisch gestaltet.
Was fällt einem heute auf, wenn man von außen auf den Garten schaut? Als erstes die Weit-räumigkeit und Großzügigkeit, mit der Beete und Wege angelegt sind. Zumindest kann man das für den vorderen Teil des Gartens sagen. Der rückwärtige Teil, auch das ist eine Besonderheit, entzieht sich dem Blick; man kann ihn von der Straße, die tiefer gelegen ist, nicht sehen.
Des Weiteren springt einem der Wechsel von geraden und geschwungenen Linien ins Auge. Deutlich wird dies etwa an dem Beet, das zwischen der Stirnseite des Hauses und dem Zaun entlang der Straße liegt. Die Straße macht im weiteren Verlauf eine Kurve und verleiht dem Beet dort, wo seine beiden Außenkanten zusammentreffen, eine sanfte Rundung; es wirkt fast so, als ob sich das Beet in die Kurve gelegt hätte. Einen markanten Gegensatz dazu bilden die beiden anderen, völlig geraden Außenkanten des Beets, die in einem rechten Winkel aufeinandertreffen.
Das nächste, was dem Betrachter auffällt, ist die prachtvolle Bepflanzung des ‚Kurvenbeets‘. Aber es sind nicht nur die Rosen, die Taglilien, der Lavendel und andere Pflanzen, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Vielmehr bleibt der Blick immer wieder an kleinen Objekten hängen, die wie zufällig in das Beet hineingestreut zu sein scheinen. Was mag das sein? Sehen wir uns das Kurvenbeet genauer an und folgen wir dazu dem Weg, der entlang des Beets von der Gartentüre zum Haus führt.
Rosen, Stauden, Sträucher und kleine Kunstobjekte: Das Kurvenbeet
Karl Schienagel liebt Rosen. Das merkt man sofort, wenn man auf das Kurvenbeet schaut. Hier säumt nicht nur eine lange Reihe tiefroter, üppig blühender Polyantha-Rosen den Weg zum Haus; vielmehr finden sich auch im weiteren Beet diverse Rosen, u.a. drei große Strauchrosen in Weiß und Rosa sowie mehrere Exemplare der zartrosafarbenen Kleinstrauchrose „The Fairy“. Sie scheint sich hier wohlzufühlen, denn sie blüht herrlich groß und buschig. Ergänzt werden die Rosen durch eine Vielzahl an Stauden – Lavendel, Fingerhut, Phlox, hohe Astern, kleine Purpurglöckchen, Spornblumen und mehr – und durch Sträucher wie etwa einen großen Flieder und einen Busch mit weißen Blüten, die wiederum an Rosen erinnern (vielleicht eine Schneeball-Sorte – „meine Frau hätte das gewusst“, sagt Karl Schienagel). Im Beet und entlang des Zauns sind außerdem Ziergräser unterschiedlicher Höhe gesetzt, die dem Ganzen eine filigrane Note verleihen.
Einen interessanten Kontrast zu den Pflanzen bilden die schon erwähnten kleinen ‚Kunstobjekte‘, die an verschiedenen Stellen im Be
et verteilt sind. Dabei handelt es sich zum einen um Findlinge, wie wir sie schon aus dem Steingarten kennen, zum anderen um Baumwurzeln und Wurzelstöcke. Karl Schienagel hat sie bearbeitet, glattgeschliffen und poliert. Mit ihrer z.T. bizarren Form und aufgrund ihrer Ausrichtung – mal vertikal, mal horizontal – sind sie echte Hingucker.
Wie man das Schöne mit dem Nützlichen verbinden und auf diese Weise einen weiteren Hingucker schaffen kann, zeigt außerdem ein kleiner Steinhaufen, der sich mitten im Beet befindet. Der Mini-Berg ist aus Findlingen aufgeschichtet, zwischen denen Semperviven wachsen. Seine Funktion ist aber eine rein praktische: er soll den Deckel zum Kontrollschacht für den Abwasserkanal verbergen. „Blöd wäre es nur, wenn man da amal hinein muss, z.B. wenn der Kanal verstopft ist“, sagt Karl Schienagel augenzwinkernd. „Aber bis jetzt ist das noch nicht passiert.“
Gerade und geschwungene Linien: Die Ligusterhecke, Säulen-Eiben und ein Beet mit Rundungen
Die Thuja-Hecke ist wie gesagt verschwunden. An anderer Stelle gibt es aber eine Neuauflage: Links des Wegs, der von der Gartentüre zum Haus führt, ist eine neue Hecke, eine Ligusterhecke entstanden. Karl und sein Bruder Willi haben sie gemeinsam gepflanzt, an der Grenze zu Willis Grundstück. Eine Abschottungsmaßnahme? Nein, ganz und gar nicht. Die Hecke, die rechteckig zugeschnitten ist, wirkt zwar recht massiv, aber sie ist durchlässig: In der Mitte gibt es einen schmalen Weg, auf dem man direkt in den Garten von Willi Schienagel gelangen kann.
Die Ligusterhecke bildet eine lange gerade Linie, ebenso wie der Weg und das schmale Beet, das an der Nordseite des Hauses (rechts und links von der Eingangstür) liegt. Es ist mit Goldliguster, Kirschlorbeer und Semperviven hübsch bepflanzt. An den beiden Enden des Beets, jeweils an einem Eck des Hauses, werden weitere Geraden sichtbar.
Diesmal geht es aber in die Vertikale: Hier stehen zwei hohe Säulen-Eiben, die ähnlich wie die Ligusterhecke streng formal zugeschnitten sind. Aber sie wirken eigentlich gar nicht streng. Eher so, als wären sie zwei Wächter, die das Haus beschützen.
Einen Kontrast zu diesen zahlreichen geraden Linien bildet das Beet, das dem Hauseingang gegenüberliegt, denn es ist leicht geschwungen angelegt. Keine große Rundung wie das Kurvenbeet, aber immerhin. Seine Bepflanzung ist vielfältig und bunt und reicht von Rosen (wiederum Fairy-Rosen in Zartrosa), Stauden (u.a. blauer Fingerhut, weißer Phlox, gelbe Schafgarbe) über Ziergräser und Flieder bis zu einem kleinen Nadelbaum.
Blickfang Brunnenhäuschen
Im rückwärtigen Teil des Gartens steht ein weiteres interessantes Objekt. Die pavillonartige Konstruktion hat eine gemauerte Einfassung, eine Kurbel zur Bedienung einer Walze, die zwischen zwei Holzgestellen festgemacht ist, und ein achteckiges Dach. Was könnte das sein? „Ein Brunnenhäuschen“, sagt Karl Schienagel. „Alles Eigenarbeit. Die Mauer ist von mir, das Holz-gestell hat ein Freund gemacht, der Zimmermann ist, und das Dach hat mein Bruder Willi gebaut, der Schlosser ist.“ Wird der Brunnen denn noch genutzt? „Zum Gartengießen reicht es meistens“, meint Karl Schienagel. „Und dann haben wir ja noch die Regen-tonnen, mit Pumpen drin.“
Auf dem Dach des Brunnenhäuschens sitzt übrigens eine Wetterfahne. Das Jahr der Erbauung (2001) ist eingraviert, außerdem die Initialen „K. und M. Sch.“ Karl und Margareta Schienagel. Sie haben diesen wunderbaren Garten gemeinsam gestaltet. „Aber“ – Karl Schienagel betont es noch einmal – „es war meine Frau, die immer die besten Ideen gehabt hat.“
Wir danken Karl Schienagel herzlich für das Gespräch und wünschen ihm weiterhin viel Freude mit dem Garten.
Text: Eva Leitzke-Ungerer / Fotos: Erich Kraus, Eva Leitzke-Ungerer
