Bevor der Garten der Familie Ungerer/Leitzke-Ungerer seine heutige Adresse bekam, lag er am „Grasigen Weg“, so die alte Weidenbacher Straßenbezeichnung. Mit seinen 1.500 qm gehört er zur Klasse der großen Privatgärten. Seine Gärtnerinnen – Männer hatten hier nie das Sagen – gaben und geben ihm einen besonderen Charakter; aktuell ist das Eva Leitzke-Ungerer.
Noch drei andere Umstände machen ihn eigen. Seine Lage am höchsten Plateau des Ortes gibt ihm ein raueres Klima als es ein innerorts liegender Garten hat und der Wind kann leichter hindurchwehen. Neben seinem landschaftlichen Gepräge ist er vor allemdurch seine etwa 50 Rosensträucher gekennzeichnet, die Lieblingsblumen der Besitzerin. „Wegen ihrer vollkommenen Schönheit.“, wie sie sagt. Bis es so weit kam, war aber eine Menge Arbeit zu leisten, unter anderem war ein über und über mit Mahonien zugewuchertes Beet zu kultivieren. Dass diese Pflanze so stark vertreten war, führt zurück in die Anfangsjahre des Gartens, die Jahre 1920 und 1921.
Würden wir noch ein paar Jahrzehnte weiter zurückgehen, wären wir dabei, als der Weidenbacher Postbote Georg Meyer die zusammenhängenden Grundstücke vom Posthalter und Gastwirt Andreas Salomon kauft. Er hat sein Geschäft in dem Gebäude, in dem heute die Metzgerei Gesell ist. 1879 und 1883 wechseln die Grundstücke den Eigentümer und Meyer beginnt damit, sich ein Haus zu bauen. Es soll ihm sein Alterssitz werden. 1910, als das Haus schließlich fertig ist, stirbt er und wird von seinr jüngsten Tochter Berta beerbt. Sie ist damals eine bekannte Kranzbinderin und leidenschaftliche Gärtnerin. 1921 zieht ihre jung verwitwete Schwester Lina Reulein ein, die Leiterin der Post in Merkendorf ist. Mit dabei hat sie ihre Tochter, ebenfalls mit dem Namen Berta. Die beiden Schwestern teilen sich die Arbeit. Lina kümmert sich um Haus und Küche, Berta um den Garten. Mahonien sind zu jener Zeit in Kränzen unverzichtbar, weil sie der Stechpalme zum Verwechseln ähnlich sehen und diese in vielen Religionen seit Jahrtausenden kultische Bedeutung hat. Im Christentum etwa erinnert sie an die Dornenkrone Jesu und ist deshalb ein Symbol für Unsterblichkeit – daher auch ihre große Bedeutung in Trauerkränzen.
(Bild: Schönheit in voller Pracht: Kletterrose „Santana“mit Spalier)
Die Tochter von Lina wird später die Großmutter der heutigen Besitzerin. Sie heiratet einen Oberstudienrat und lebt den Großteil des Jahres in München. Aber in den Ferien ist sie immer am grasigen Weg. Auch die Eltern von Eva Leitzke-Ungerer leben als Lehrerehepaar in München und halten sich in den Ferien meistens in Weidenbach auf, sehr zum Leidwesen des Mannes, der lieber gereist wäre. So kommt es, dass die jetzige Besitzerin als Kind ebenfalls viel in Weidenbach ist, hier Kontakte knüpft und auch die ersten Monate ihrer Zeit als Erstklässlerin in Weidenbach zur Schule geht.
Nach dem Studium von Englisch und Französisch für das Lehramt an Gymnasien und einer kurzen Zeit als Lehrerin führt sie der berufliche Weg ihres Manns nach Rostock. Sie selbst arbeitet weiter an der Universität und wird schließlich Professorin für Didaktik der romanischen Sprachen in Halle (Saale), wo sie bis zum Ruhestand im Jahr 2021 tätig ist.
Das Anwesen kommt nach dem Tod ihrer Mutter (2015) an sie und damit ein weiteres Mal an eine Frau der Familie. Sie findet es toll, einen Garten zu haben und weil es nur noch sechs Jahre bis zum Ruhestand sind, ist die Zeit auch überschaubar und das Gartenglück nahe.
Die Grundstruktur bleibt unverändert, aber es gibt jetzt weniger Beete. Auch die Fliederlaube mit Bänkchen ist dahin. „Er war schon immer ein Ziergarten, mit vielen Stauden und Rosen sowie Beerensträuchern. Das habe ich beibehalten.“ Zunächst aber muss erst einmal eine Firma mehr Licht in den Garten bringen und dazu viele Bäume entfernen. Es hatten sich schon Nachbarn wegen des Überwuchses beschwert. Gemeinsam mit ihrem Mann legt sie die Beete neu an. Einige Obstbäume sind vorhanden, Kräuter und Beeren, aber kein Gemüse. „Ich will mich damit nicht herumschlagen. Die Sachen kaufe ich lieber auf dem Markt oder im Geschäft. Das ist überhaupt nicht mein Ding. Auch meine Mutter wollte das nicht. Schon in der Zeit der Oma gab es nur Erdbeeren und Bohnen, sonst kein Gemüse.“ Wie beschreibt sie selbst den Charakter des Gartens? „Es ist eine Mischung aus gepflegtem und geordnetem Garten und viel Naturgarten … unweigerlich, man kommt sonst fast nicht rum.“
(Bild: Südseite mit sonnenhungrigen Pflanzen)
Den eigentlichen Auslöser, sich richtig stark im Garten einzusetzen, gibt ein Kind, mit
dem sie am Zaun in ein Gespräch kommt. Das Kind sagt: „Du hast einen schönen Garten, aber da hinten schaut es schlampig aus.“ Der Besitzer-Stolz ist geweckt und es geht los.
Der nördliche Teil ist recht schattig, auch nachdem die großen Haselnussbäume entfernt sind. Überhaupt werden viele Bäume gefällt, an die 20 müssen weichen. Es gibt gleich einige Sitzplätze: den „weißen Sitzplatz“, den „grünen Sitzplatz“, ein romantische Eisenbank am Eingang zum Schaukeln und unter dem Kirschbaum die Philosophenbank, weil drüber ein Fisch hängt mit dem Titel „Philosofisch“. Die Zeiten des großen Sitzplatzes unter der Linde sind vorbei. Eine Kastanie, die sie vor 50 Jahren mit Ursula Sens gepflanzt hat, steht noch immer. „Sie ist ein Symbol unserer Freundschaft.“
Die Nutzpflanzen sind schnell aufgezählt: Kirsche, Apfel, Birne und Beerensträucher. Die Früchte werden selbst verwertet, sogar die Johannisbeeren von den etwa zehn alten Sträuchern, die die Mutter gepflanzt hat. Die Äpfel kommen nach Triesdorf zum Mosten. Die wenige Birnen werden frisch verarbeitet oder gegessen und die Kirschen gehören alle den Vögeln, weil der Baum einfach zu hoch zum Ernten ist. Die Zwetschge dient in erster Linie als Stütze für eine weiße Ramblerrose – so nennt man kletternde Rosen, die mit langen und biegsamen Trieben ohne Klettergerüst an Bäumen bis zu zehn Meter hoch ranken.
Damit sind wir auch bei der Leidenschaft der Besitzerin: Rosen. Nicht nur deren Schönheit findet sie attraktiv, manchmal sind es auch die Namen, die sie faszinieren. Es kann durchaus vorkommen, dass sie welche „nur wegen ihres Namens“ kauft. Wie ihre Lieblingsrose, „Madame Isaac Pereire“ (sprich: Päh-rähr), eine historische Rose von 1881 aus Frankreich. Edelrosen gibt es nur ganz wenige. Das meiste sind Strauchrosen und Beetrosen, außerdem eine Hochstammrose und zwei Schling- oder „Ramblerrosen“, wie die am Birnbaum mit dem Namen „Chevy Chase“. Das Hobby kam erst 2016 auf sie zu, vor dem Garten waren Rosen kein großes Thema. Am liebsten kauft sie die Stöcke beim Gärtner, bei Kuck in Gunzenhausen oder Kolb in Kleinbreitenbronn. Im Internet ist die Beratung mittlerweile zwar besser, aber dennoch ist es nicht der erste Kaufplatz.
(Bild: Die Schlingrose „Chevy Chase“ findet Halt am Birnbaum)
Was verbindet sie mit dem Garten? „Als Kind habe ich hier toll spielen können mit meinen Freundinnen. Es waren wohl jeden Tag Kinder zum Spielen da. Es gab den Sandkasten, die Schaukel. Von-der-Schaukel-Springen, Verstecken, Handstand – wir waren völlig frei. Der Garten war ein wunderbarer Spielort.“ Dann noch in den Ferien und schließlich war der Garten abgeschrieben. „Ab der Pubertät war es nicht mehr interessant, die Freundinnen waren schon weg. Es war langweilig in den Sommerferien.“ 50 Jahre lang währte diese Trennung. „Meine Mutter hat mich auch nichts machen lassen. Sie war eine dominante Frau und hatte den Garten unter ihrer eigenen Regie. Das wollte sie alles allein machen.“
Seit rund zehn Jahren wird also in dem Garten gewerkelt. Im Großen und Ganzen hat er jetzt die Gestalt, die sie sich vorstellt und jedes Jahr wird eine bestimmte Ecke neu gemacht, zuletzt vor zwei oder drei Jahren, als ein Dutzend Farne sowie Frauenmantel und Wald-Geißbarte in einem Schattenbereich gesetzt wurden.
Für die Zukunft gibt es zwei Themen. Für die großen Bäume gibt es noch keinen Plan; auf jeden Fall aber sollen die Schattenbereiche bewahrt und neu gestaltet werden. Und für neue Rosen werden immer Plätze gesucht. 50 ist ja noch keine so große Anzahl.
(Bild: Nicht alle Baumstümpfe wurden entfernt: diese halten noch die Hängematte)

Text: Martin Stumpf / Fotos: Fotos: Eva Leitzke-Ungerer (Fotos 1 und 3) und Martin Stumpf (Fotos 2, 4 und 5)
